Still Life Clusters - Works Combined from 7 out of 13

In Wataru Murakamis Diplomausstellung sind Werke versammelt, die aus seiner künstlerisch fotografischen Auseinandersetzung mit dem Genre des Stilllebens entstanden sind. Wurde diesem zur Zeit seiner Entstehung ein eher geringer künstlerischer Stellenwert zugeschrieben, versteht Murakami sein Projekt als Würdigung. Er greift auf das Stillleben als Bildsprache innerhalb der Fotografie zurück, in der es eine grundlegende Rolle spielt – nicht zuletzt, da es bis in die Gegenwart zur Repräsentation von Waren und deren Produktionsweisen dient.

Murakami produzierte eine Reihe von Heften mit dem Übertitel Still Life, die Fotografien von 2008 bis heute beinhalten. Aus dieser tagebuchähnlichen Sammlung heraus entwickelte er verschiedene Ausstellungsformate, die Produktion, Komposition und Präsentation der Fotografien auf räumlich visueller Ebene reflektieren. In diesem Prozess lenkt Murakami den Blick aus der Ferne auf die Details und erforscht damit neue Formen des Stilllebens – um eine Präsenz von Schönheit zu entdecken: Die Schönheit im Verborgenen.



Painting on Photography

Cognition is inseparable from the psychology of the will.

Considering that perception of reality is, in its essence, construction of the real – what does this mean in regards to the photographic image which is indeed nothing else than a direct impression of the reality onto a photo-sensitive layer? How can one transpose the indifferent aversion of “objectivity” – to which the photographic image bears witness – into an image space of tangibility? What methods need to be used in the imaging process to allow for this concretion, and what kind of stimulus appeals to an observer when looking at an image which contains and concerns the representation of his own perceptive process? How will this feedback feel like?

In Wataru Murakami’s images the indifferently detached – the object of the hidden per se: the landscape – exists as it were immaterial, almost abstract, that is, a technical printing product, emanated from the photographic process which is at least to the same degree of immaterialist nature. “To fetch and bring the detached object” means: to materialize it, to attach it to the tangible, to found it in the comprehensible, to “set it up”. Through a manual color application, Murakami perfects the photographic image with something that it rejects and represses on its own. He provides weight to it and makes it truly present.

The view of the yearning subject (and the subject is deeply yearning by nature) is hardly perception, but essentially construction and “setting up”. He who obviously yearns constructs landscape, rather than imagining it. The “representing” image which usually blocks the way between the incomprehensible and the view, must be skipped. Murakami’s images do neither represent landscape as an object nor do they present it as a tamed, domesticated rip-off of itself. The landscape rests in its own nature and is being brought here in its foreignness and closeness. That is only possible because in every image, the process of construction of the real is implemented in its action, instead of being presented in its results.

It is, however, the nature of this construction of yearning, that, in return, it wants to hide from its creator and describes its results as something pre-existing to him. The impact of the subjective on the objective is gentle but powerful, subtle but brutal, inconspicuous but essential, denying but truthful.

-Kilian Ochs, 2011

(dt.)

Die Wahrnehmung ist von der Psychologie des Willens nicht zu trennen.

Wenn Perzeption von Realität im Wesentlichen Konstruktion von Wirklichkeit ist – was bedeutet das dann für fotografische Bilder, die doch geradezu als direkter Abdruck des Realen auf eine lichtempfindliche Schicht zu gelten haben? Wie kann die gleichgültige Abgewandtheit der „Objektivität“, von der das fotografische Bild Zeugnis ablegt, in einen Bildraum der Greifbarkeit gebracht werden? Wie muss ein Bildprozess gestaltet sein, um dieser Konkretisierung Rechnung zu tragen, und welchen Reiz wird auf einen Betrachter ausgeübt, wenn er in ein Bild blickt, das die Darstellung seines eigenen menschlichen Wahrnehmungsprozesses beinhaltet und behandelt? Wie wird sich dieser Rückkopplungseffekt anfühlen?

In dem Bildern von Wataru Murakami existiert das Abgewandte – das Objekt in Form des Sich-Verbergenden schlechthin: der Landschaft – als quasi immaterielles, fast abstraktes, nämlich rein technisches Druckerzeugnis, das aus dem mindestens ebenso immateriellen fotografischen Prozess hervorging. „Das Abgewandte herüberholen“ heißt: es zu materialisieren, ans Greifbare zu heften, ins Fassbare zu gründen. Durch den manuellen Farbauftrag fügt Murakami der maschinellen Fotografie das hinzu, was sie von sich aus ablehnt und verdrängt. Er gibt ihr Schwere und lässt sie wirklich anwesend sein.

Der Blick des sehnsüchtigen Subjekts (und das Subjekt ist per se tief sehnsüchtig) ist kaum Wahrnehmung, sondern im Wesentlichen Errichtung und „Her-Stellung“. Der offenkundig Sehnsüchtige stellt sich Landschaft her, nicht vor. Das vorstellende Bild, das gewöhnlich zwischen das Unfassbare und den Blick geschoben wird, soll übersprungen werden. Murakamis Bilder repräsentieren die Landschaft weder als Objekt, noch stellen sie sie als ein gezähmtes, zutraulich gemachtes Plagiat ihrer selbst vor. Die Landschaft ruht in ihrem Wesentlichen und wird als Fremdes und Verschlossenes herübergeholt. Das kann deshalb geschehen, weil in jedem Bild der Prozess der Wirklichkeitskonstruktion in seinem Walten eingerichtet und nicht sein Ergebnis manifestiert wird.

Es liegt nun aber im Wesen dieser Sehnsuchts-Konstruktion, sich selbst wiederum vor seinem Erzeuger zu verbergen und sein Ergebnis als etwas „Vor-liegendes“ auszugeben. Der Eingriff des Subjektiven am Objektiven ist sacht aber gewaltig, subtil aber brutal, unscheinbar aber wesentlich, verleugnend aber wahrheitsstiftend.

-Kilian Ochs, 2011